Warum wir das Krebsrisiko im Alter deutlich reduzieren können

Krebs erscheint oft unberechenbar. Tumore treten plötzlich und unvermittelt auf und verlaufen nicht selten tödlich. In der Krebstherapie hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme Entwicklung stattgefunden, so dass viele Krebsarten heute relativ gut behandelbar sind. Die Prävention kam dagegen eher zu kurz, dabei ist es laut Expertenmeinung möglich eine beachtliche Zahl von Krebserkrankungen zu vermeiden.

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Laut Erkenntnissen des Zentrums für Krebsregisterdaten (ZfKD) ist Krebs überwiegend eine Erkrankung des höheren Lebensalters. So treten Krebserkrankungen, ohne genauere Spezifikation, mit zunehmendem Alter vermehrt auf. Zwar gibt es auch Krebsarten, die deutlich häufiger bei jungen Menschen auftreten, wie zum Beispiel Leukämie, doch über sämtliche Krebsarten betrachtet spielen junge Menschen nur eine sehr untergeordnete Rolle als Krebspatienten. So starben im Jahr 2018 insgesamt 3.813 Menschen unter 45 und 234.532 Personen über 45 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Laut statistischem Bundesamt stellte Krebs damit, nach Herz-Kreislauf-Erkrankung, die zweithäufigste Todesursache dar.

 

Doch woran liegt es, dass sich vor allen Dingen im Alter zunehmend Tumore bilden? Die Wissenschaft bietet mehrere Erklärungsansätze, die teilweise ineinander greifen.

 

1. Der Alterungsprozess ist geprägt von DNA-Schäden

 

Im Laufe seines Lebens ist der Mensch unterschiedlichen Schadstoffen und Umweltgiften ausgesetzt, die über Jahre den Zellen und auch dem Erbgut winzige Schäden zufügen. Um diese Schädigungen im Zaum zu halten, greifen verschiedene Reparaturmechanismen, deren einzige Aufgabe darin besteht, die DNA vor Schaden zu bewahren. Doch mit der Zeit funktionieren diese Mechanismen nicht mehr richtig, so dass die Schäden nicht mehr kompensiert werden können.

 

Wenn sich im Erbgut einer Zelle zu viele Schäden anhäufen kann es dazu führen, dass diese Zelle einfach abstirbt. Sie kann sich aber auch krankhaft verändern und unkontrolliert wachsen. Auch hier halten körpereigene Schutzmechanismen dagegen. Und auch hier ist es ein Kampf gegen Windmühlen. Daher lässt es sich auf lange Sicht im Grunde nicht vermeiden, dass sich im Körper irgendwann Tumore bilden.

 

2. Der Stoffwechsel ändert sich mit dem Alter

 

Eine im Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie von August 2020 bringt nochmal einen ganz anderen Aspekt zum Vorschein, nämlich den Einfluss von Abfallstoffen im Blut. Die Wissenschaftler sammelten Blut von jeweils 30 gesunden Menschen in einem Alter von unter 30 oder über 60. Mit diesen Blutproben fütterten sie menschliche Krebszellen in Zellkultur und stellten erstaunliches fest: Während die Zellen, die mit jungem Blut behandelt wurden sich nicht wesentlich veränderten, wucherten diejenigen, die mit dem alten Blut behandelt wurden, beträchtlich. Die Forscher führten dies auf Methylmalonsäure zurück, einem Abfallprodukt, das im Blut von älteren Menschen in etwa 50-facher Konzentration vorliegt. Methylmalonsäure aktiviert in den Krebszellen über 400 Gene und beschleunigt so massiv deren Wachstum.

 

Diese Beobachtungen liefern einen Hinweis darauf, warum Krebszellen bei älteren Menschen schneller und aggressiver wachsen. Sie ergänzen somit die erste Feststellung, zur größeren Häufigkeit von Krebszellen im Alter, um den Faktor Beschleunigung des ausufernden Wachstums.

 

3. Späte Folgen des Lebenswandels

 

Nicht alle, aber doch einige Krebsarten stehen in direktem Zusammenhang mit dem Lebenswandel. So ist es allgemein bekannt, dass zum Beispiel rauchen das Risiko für Lungenkrebs deutlich erhöht. Dennoch dauert es oft Jahrzehnte bis die Folgen tatsächlich sichtbar werden. Auch Übergewicht ist mit einer ganzen Reihe von Krebserkrankungen assoziiert. Wissenschaftler des Robert Koch Institutes schätzen, dass im Jahr 2010 etwa 8,5 Prozent aller Krebsneuerkrankungen auf Übergewicht zurückgeführt werden können. Insbesondere bösartige Tumore der Speiseröhre oder der Gebärmutter korrelieren demnach mit einem zu hohen Körpergewicht. Auch bei Brustkrebs scheint die genaue Zusammensetzung des Fettgewebes in der Brust ausschlaggebend dafür zu sein, ob und wie sich dort ein Tumor entwickelt.

 

Das Robert Koch Institut weist daher darauf hin, dass es ein erhebliches Präventionspotential für Krebs gibt und spricht in diesem Zusammenhang von „vermeidbaren Fällen“.

 

Wie ist es möglich, sich vor Krebs im Alter zu schützen?

 

Nachdem nun deutlich ist, warum Krebs im Alter häufiger auftritt, bleibt die Frage, inwieweit eine Erkrankung aktiv vermieden werden kann. Natürlich entsteht eine Krebszelle nur dann, wenn entsprechende Veränderungen im Erbgut vorliegen, aber nur ein geringer Anteil an Krebserkrankungen ist auf vererbte genetische Fehler zurückzuführen. Diese Fehler sind sehr häufig die Ursachen für Krebserkrankungen bei Kindern. Bei älteren Menschen hingegen treten sie erst im Laufe des Lebens auf. Entweder spontan oder durch äußere Faktoren. Spontane Mutationen lassen sich leider nicht beeinflussen, die äußeren Faktoren zum Teil schon. Sie beinhalten den Lebensstil, Umweltgifte oder auch Infektionen.

 

Das Robert Koch Institut veröffentlichte in seinem „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016“ ein ausführliches Kapitel zum Thema Krebsprävention. Die wichtigsten Kernaussagen sind:

  • nicht rauchen
  • moderater Alkoholkonsum
  • gesunde Ernährung
  • regelmäßige und ausreichende Bewegung
  • Übergewicht vermeiden
  • keine übermäßige Sonneneinstrahlung zulassen / Solarium meiden
  • Schadstoffe nach Möglichkeit meiden (z.B. Feinstaub oder hormonaktive Substanzen)
  • Regelmäßige Krebsvorsorge zur Früherkennung nutzen
  • an Impfempfehlungen halten

Es gibt selbstverständlich keine Garantie dafür, dass ein Mensch, der stets gesund lebt und sich an die genannten Vorgaben hält, nicht an Krebs erkrankt. Dennoch lassen sich einige Risikofaktoren deutlich reduzieren und so Erkrankungen potentiell vermeiden.

 

Bereits in den 1990er Jahren zeigte eine Studie, dass eine andauernde Reduktion der Kalorienzufuhr (Kalorienrestriktion) nicht nur dazu führt, dass Labornager länger leben. Sie entwickeln auch deutlich weniger und später Krebs. Heute weiß die Wissenschaft, dass die reduzierte Kalorienzufuhr dafür sorgt, dass bestimmte Gene vermehrt abgelesen werden, die das Wachstum von Tumoren hemmen. Die Ernährung ist also ein wichtiges Werkzeug der Krebsprävention.

 

Der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums, Michael Baumann, hält es für realistisch, das bis zu 40 Prozent der Krebserkrankungen durch diese primäre Prävention verhindert werden können. Wenn zusätzlich Früherkennungsmaßnahmen konsequent genutzt werden, könnte die Krebsmortalität um 50 bis 75 Prozent gesenkt werden, sagte Baumann am 34. Deutschen Krebskongress vom 19.–22. Februar 2020 in Berlin.

 

Was bedeutet das für die Gesellschaft?

 

Unsere heutige Gesellschaft zeichnet sich durch zwei charakteristische Entwicklungen aus:

 

1. Die Menschen werden immer älter

2. Die Menschen werden immer dicker

 

Unter diesem Gesichtspunkt ist es nicht verwunderlich, dass die WHO davon ausgeht, dass sich Krebserkrankungen in den nächsten 20 Jahren verdoppeln werden. Diese düstere Prognose stellten Vertreter ebenfalls auf dem Berliner Krebskongress 2020 auf. Das stellt nicht nur ein gesundheitliches Problem für die Bevölkerung dar, sondern auch ein finanzielles. Denn Krebstherapien sind langwierig und kostenintensiv.

 

Um dem erwarteten Trend entgegen zu wirken, entsteht in Heidelberg ein nationales Krebspräventionszentrum, das mit Spenden der Deutschen Krebshilfe in Höhe von 25 Millionen Euro gefördert wird. Bis 2025 soll es voll arbeitsfähig sein. Seine Aufgaben liegen in erster Linie darin, die Bevölkerung aufzuklären und die Politik zu beraten. Es gilt, Kampagnen zu erarbeiten und durchzuführen, die langfristig die Menschen zu einem gesünderen Lebenswandel motivieren. Diese Aufgabe ist nicht zu unterschätzen, da das Projekt langfristig betrachtet werden muss.

 

Dadurch, dass Krebs vornehmlich im Alter auftritt, bedarf es einer Zeitspanne von 20 bis 30 Jahren, um einschätzen zu können, ob Präventionsmaßnahmen erfolgreich waren. Besonders für die schnelllebige Politik könnte das zu Schwierigkeiten führen, bestimmte gesetzliche Regelungen zu treffen, aber wir werden es sehen. Letztlich bleibt es abzuwarten, wie sich die Gesellschaft gesundheitlich in den nächsten 20 Jahren entwickelt.

 

Spätestens jetzt sollte aber klar sein, dass es nicht nötig ist auf offizielle Kampagnen zu warten. Der (zumindest etwas) gesündere und aktivere Lebensstil kann heute beginnen.

 


Quellen (im Text verlinkt):

  • Ana P. Gomez et al.: Age-induced accumulation of methylmalonic acid promotes tumour progression. Nature. 2020 Aug 19. doi: 10.1038/s41586-020-2630-0. Online ahead of print.
  • Charu Kothari , Caroline Diorio, Francine Durocher: The Importance of Breast Adipose Tissue in Breast Cancer. Int J Mol Sci
    . 2020 Aug 11;21(16):E5760. doi: 10.3390/ijms21165760.
  • RichardWeindruch: Effect of caloric restriction on age-associated cancers. Experimental Gerontology
    Volume 27, Issues 5–6, September–December 1992, Pages 575-581
  • Toshimitsu Komatsu et al.: Mechanisms of Calorie Restriction: A Review of Genes Required for the Life-Extending and Tumor-Inhibiting Effects of Calorie Restriction. Nutrients. 2019 Dec 16;11(12):3068. doi: 10.3390/nu11123068.
  • Robert Koch Institut: Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016. 
  • Antje Wienecke, Benjamin Barnes, Hannelore Neuhauser, Klaus Kraywinkel: Übergewicht und Krebs – wie stark ist der Einfluss auf
    der Bevölkerungsebene? Poster der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring, Robert Koch-Institut, Berlin
  • Laschet, Helmut:  Das Potential der Krebsprävention nutzen – doch wie? Kongressbericht DKK 2020 (20.02.2020)
  • Statistisches Bundesamt
  • Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD)


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