Wenn Schwarmintelligenz zur Schwarmdummheit wird

In unserer gesamten belebten Umwelt gilt dieses Prinzip gleichermaßen: Gemeinsam sind wir stark! Je größer die Gruppe, desto größer ist der Schutz und damit die Überlebenschance oder der Erfolg des Einzelnen. Das gilt vom gleichzeitigen Pollenflug über synchrones Auftreten fliegender Ameisen bis zur Bildung riesiger Gnuherden in der afrikanischen Steppe. So vielfältig die Arten, so vielfältig sind auch ihre Kommunikationsstrukturen, sowie ihre Hierarchie. Aber ist es wirklich immer sinnvoll einem Anführer zu folgen?

 

In freier Natur wird ab und an beobachtet, wie sich Gruppen unterschiedlichster Arten scheinbar gemeinsam ins Verderben stürzen, weil sie folgen ohne das Ganze tatsächlich wahrzunehmen. Charles Darwin selbst beobachtete 1832 vor der Küste Patagoniens hunderttausende Falter, die gemeinsam auf das offene Meer hinausflogen. Sie fielen dort einem Sturm zum Opfer und regneten regelrecht vom Himmel. Diese Tiere suchten offenbar eine neue Bleibe und flogen gemeinsam in den Tod. Für ein höheres Ziel, wie der Erschließung neuen Lebensraumes, werden oft sehr viele Individuen auf den Weg geschickt. Nur sehr wenige erreichen dieses Ziel, aber diese wenigen sichern das Überleben der Art. Ein Ziel, das in der Biologie deutlich über dem Wohl des Einzelnen steht.

 

Ein anderes Beispiel sind so genannte Ameisenmühlen. Dieses Phänomen kann vor allen Dingen bei Wanderameisen beobachtet werden. Diese Tiere sind fast blind und folgen auf ihrer Wanderung ausschließlich einer Duftspur. Wenn sich relativ frische Wege kreuzen, kann es dazu führen, dass die Tiere die eigentliche Duftspur verlieren und der gekreuzten Spur folgen. Sie beginnen im Kreis zu laufen. Dabei produzieren sie immer neue Duftstoffe, damit andere Tiere folgen. Es bildet sich eine mitunter mehrere hundert Meter im Umfang große Spirale, aus denen die Tiere oftmals nicht mehr heraus finden, sondern ihr bis zum Tode weiter folgen.

 

In der Verhaltensforschung sind Fischschwärme ein interessantes Forschungsobjekt geworden. Hirnforscher wollten den neurologischen Ursprung des Schwarmverhaltens höher entwickelter Wirbeltiere herausfinden, also welche Hirnstruktur dafür besonders wichtig ist. Dabei entdeckten sie etwas Faszinierendes. Wird einem Tier operativ ein Hauptteil seines Großhirns entfernt, ein Eingriff, der dramatisch klingt, aber für Fische keine lebensbedrohliche Situation darstellt, verliert es den sozialen Bezug zu seinen Artgenossen. Es schwimmt nicht mehr nach der Gruppe, sondern irrt recht orientierungslos umher, wobei es auch keine Gefahr durch Räuber mehr erkennt. Der Schwarm reagiert darauf höchst dramatisch: Er folgt dem verwirrten Tier. Der Instinkt zusammen zu bleiben, um jedes einzelne Tier zu beschützen, ist stärker, als die Fähigkeit eine Gefahr zu erkennen, in der der ziellose Führer seine Artgenossen hinein manövriert.

 

Viele herdenbildende Säugetiere finden bei Nahrungsüberschuss zu größeren Gruppen zusammen, um dort Schutz vor Räubern zu finden. Das Zusammentreffen ist allerdings meist auch mit erhöhtem Stress verbunden, da es permanent Kämpfe um die Rangordnung gibt. Auch sind Futter- oder Wasservorkommen schnell erschöpft. Die Herdenmitglieder müssen daher stets abwägen, ob der Preis des Schutzes nicht zu hoch wird. Ist dies der Fall, verlassen sie die Gruppe und ziehen auf eigene Faust weiter.

 

Das Verhalten, einen Schwarm oder eine Herde zu bilden, ist sicherlich ein Produkt darwinistischer Selektion. Die Fähigkeit, eine Gruppe, die ins Ziellose oder gar in eine Gefahr steuert zu verlassen, ist es allerdings auch.

 



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